Freie Geister – Ursula K. Le Guin

Ursula K. Le Guins „Freie Geister“ habe ich zum zweiten Mal gelesen. Das erste Mal in der Ausgabe, die bei Edition Phantasia rauskam vor fünfzehn Jahren. Das Buch wurde von Karen Nölle neu übersetzt, die ihr den Ton und die Sprache zurückgab, die das Buch hat.

Warum man den Originaltitel „The Dispossessed“ vollkommen vernachlässigte und dem Buch einen anderen Titel gab, weiß ich nicht. Der Titel verschiebt damit allerdings den Fokus vom Materiellen zum Geistigen. Das ist schade, denn eine Neutralität des Titels und die Tiefe des Inhalts schaffen doch gerade einen interessanten Kontrast. Die Gemälde heißen nicht ohne Grund „Eismeer“ und „Die Kartoffelesser“, um deutlich zu machen, dass sich unter der Oberfläche mehr verbirgt.

Das ist keine Kleinigkeit, denn „Freie Geister“ klingt nach einer idealistischen Befreiung und verschiebt den utopischen Idealismus von der Gesellschaftsordnung zum Geistigen. Das ist zeitgenössischer Idealismus. Wenn bloß die richtigen Leute mit den richtigen Gedanken zusammenkommen, dann wird Gutes daraus. Eine gefährliche Verlagerung. Gerade die materielle Härte von Besitz und Entwurzelung und Enteignung, von Verteilung von Nahrungsmitteln, und was das für Haushalt, Beziehung, Freundschaft, Sexualität, Kinder und ihre Bedürfnisse bedeutet, all das wird von Le Guin ganz klar und nüchtern beschrieben. Le Guins Gedanken und Werte klingen an, aber sie bleibt Autorin eines Romans. Der Roman ist weder Parabel noch Gebrauchsanweisung, kein Manifest, dahinter liegt keine heimliche Agenda oder geisteswissenschaftliche Abgehobenheit, die sich der Realität entzieht und Wahrheit für sich beansprucht. Das Wort „truth“ kommt in dem Buch häufig vor und viele suchen sie und wollen sie durchsetzen. Le Guin deckt die Widersprüche auf.

Das Problem unserer Zeit ist, dass man sich auf eine innere Wahrheit zurückziehen möchte, vielleicht sogar notgedrungen muss.

„The Dispossessed“ ist ein bedeutender Roman, der umfassend und multiperspektivisch zwei Gesellschaftsmodelle in all ihren Vor- und Nachteilen beleuchtet. Es ist ambitioniert geschrieben, aber Le Guin scheint sich beim Schreiben selbst zu hinterfragen. Sie ist in der Lage zwei konträre Perspektiven einzunehmen, dazu noch in einer sprachlichen Klarheit und psychologischen und menschlichen Tiefe, die seinesgleichen in den Genres Science-Fiction und Utopie sucht.

Der Untertitel „Eine ambivalente Utopie“ beschreibt den Kern des Buches sehr genau. Zudem ist auch die Science-Fiction-Ebene kein oberflächliches Weltraumabenteuer, sondern eine weitere, metaphysische Ebene, auf der sich die Ideen und Gedanken bewegen. Die Idee der Gleichzeitigkeit und der Kommunikation und des Austausches in einer Welt wird in abwechselnden Kapiteln mit zwei zeitversetzten Strängen erzählt, die sich am Ende verbinden.

Utopische Ideen einer besseren Welt hat es immer gegeben, und jeder Versuch, sie umzusetzen, ist gescheitert. Der Grund ist nicht der Mensch, sondern die einseitige Vorstellung dahinter, die blinden Flecken, das, was man nicht sehen will. Das deckt Le Guin meisterhaft auf und bringt es zutage. Das Thema des 1975 erschienenen Buches ist zeitlos.

Meine Leseliste ist so aufgebaut, dass jedes Buch in Beziehung zum vorigen steht. Ideen, Themen und Perspektiven, die man parallel denken und vergleichen kann, im Sinne einer Multiperspektivität. Le Guin gelingt es, geistreich utopisch zu sein wie Star Maker und zugleich körper- und weltgewandt wie Housekeeping.

Auch „Drop City“ von T.C. Boyle ist in Fragen von Zeitgeist, Gemeinschaft und gelebter Utopie eine interessante Ergänzung.

Wenn wir heute von Freiheit oder einer besseren Welt sprechen, dann sprechen wir von fast neun Milliarden durch Kommunikation miteinander vernetzten Menschen. Genau das formuliert „The Dispossessed“ bereits als utopischen Gedanken. Die Hauptfigur scheint getrieben von der Idee, dass ein Austausch von Gedanken die Menschen zusammenbringt und das Leben verbessert. Dahinter stecken aber noch ganz andere Motive einer frühkindlichen Zerrissenheit. Hinter jedem großen geistigen Gedanken steht auch immer eine nicht selten zerrissene, bedürftige Person.

In der Ambivalenz liegt die Stärke von Le Guins Roman und Gedanken.

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