Die Grenzen zwischen Fantasie und Realität sind fließend und stellen so Realität an sich in Frage. Selbst das Körperliche, Materielle, das Dingliche und Fassbare verhält sich außerhalb biologischer, physikalischer und chemischer Normen. Die Familie folgt ihren eigenen Regeln, lässt sich von Ideen, Einfällen, Bedürfnissen und Gelegenheiten treiben, innerhalb folkloristischer Formen. Übertreibungen sind real. In dem Dorf gilt eine andere Form von Wahrheit, zusammengehalten nur von Familienbeziehungen, die wie ein einzelnes Organ diese Stadt beleben. Selbst der Tod hat keine klare Grenze. Tote Menschen sind wieder eine andere Art Bewohner. Träume und Geschichten lösen die Grenzen auf. Verrücktheit ist ein Ordnungsprinzip. Das Verrückte wirkt vernünftig.
Ein Roman, der einen an die eigenen Grenzen seiner Ordnung und Moral führt.
Bei aller Schönheit des Romans muss man sich die patriarchale Gewalt und Brutalität, die hier sprachlich kunstvoll und lakonisch beschrieben wird, immer wieder vor Augen führen. Und wenn man die Verbindung herstellt zwischem dem, was in dem Roman erzählt wird und wie man es selbst beschreiben würde, dann erkennt man, wie Literatur einem eine andere Welt näher bringen kann, und das nicht mit emotional aufgeladenen Mitteln, sondern sehr präzise und sprachlich kunstvoll.
Erst am Ende des Romans macht Marquez sein literarisches Spiel mit dem Leser transparent und der Leser erkennt, was er erkennen soll, die Spirale der Unfähigkeit, die Gewalt als seine eigene anzuerkennen, die Unfähigkeit sich schuldig zu fühlen, die Unfähigkeit Beziehungen einzugehen.
Nach sechzig Jahren ist das Buch immer noch aktuell und macht deutlich, was ich aus heutiger Sicht so beschreiben würde:
Die Unfähigkeit eine Vorstellung seiner eigenen Gefühle zu haben und sie als Teil seiner selbst anzuerkennen und die Gefühle des anderen als seine zu sehen und sich für sie zu interessieren oder ihnen zuzuhören, macht beziehungsunfähig und führt zu isolierten Spiralen von Gewalt.
Die Helden, die sich die Natur Untertan machen, sind gefangen in ihrer Einsamkeit und die Natur richtet sich am Ende gegen sie und löscht sie aus, weil sie mehr Geduld hat und viel gewaltiger ist.
Liest man das Buch als Úrsulas Geschichte, dann hat man ein viel klareres Bild davon, wie man menschlich und vernünftig versucht, eine Welt zusammenzuhalten.
Ich habe mich durch das Buch gequält, aber das ist Marquez Absicht. Er macht es einem nicht einfach, weil das Thema nicht einfach ist.

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