Orwells 1984 haben wir 1982 in der Schule gelesen. Es ist das einzige Buch, das ich heute noch aus der Schulzeit besitze. Erinnern konnte ich den Inhalt nur noch vage, erst mit dem erneuten Lesen erinnerte ich mich daran. Interessant, dass ich mich oft erst hinterher erinnere, nicht währenddessen.
Ich nehme an, zu der Zeit haben viele das Buch gelesen, weil das Datum eintrat und gerade eine Volkszählung geplant war. Zudem wurde 1984 neu verfilmt, der Film kam 1984 raus. Der gläserne Mensch und der Barcode auf der Stirn waren allgegenwärtige Bilder, um das Thema zu illustrieren. Alle schienen sich zu fragen, ob Orwell inzwischen eingetreten sei oder sagten, Orwell sei eingetreten, als seien sie nicht Leser, sondern selbst Zeugen einer prophetischen Schrift.
Literatur ist keine Prophezeiung und Orwell hatte das auch nicht im Sinn. Orwells 1984 erzählt einem viel mehr über die Zeit der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als über eine mögliche Zukunft.
Das Buch ist eine zielsichere Analyse, mit welchen Methoden autokratische Herrschaft die Menschen ihrer Freiheit berauben, wie eine Herrschaft funktioniert, die nichts anderes will als herrschen und sich einzuverleiben.
Orwells Regierung und Partei hat nur vordergründig erkennbare Strukturen, es gibt keinen Hitler, keinen Stalin, keinen Mussolini, keinen Franco. Big Brother ist kein regierender Mensch, sondern eine Ikone. Ein Mensch entwickelt Identität aber an einem Gegenüber. Denn erst, wenn ein Mensch sich nicht selbst als existent erlebt und sein Gegenüber keine Existenz ist, mit der er sich vergleichen kann und die er ins Verhältnis setzen kann, löscht er Identität vollkommen aus.
Das Leben der Menschen ist ein Treiben ohne Bedeutung, es geht nur darum, ein System aufzubauen, das bedingungslos den aufgestellten Regeln und Prinzipien folgt. Es gibt keine Gesetze, es gibt nur Folter und Gehirnwäsche, Kontrolle des Denkens, der Sprache, die Auslöschung von Beziehungen, Gefühlen und Geschichte; es gibt nur Macht, Hass, Schmerz, Tod, die Auslöschung allen Menschlichen. Wahrheit und Liebe sind die Verbrechen Winstons. In Orwells 1984 regiert kein Mensch, sondern Macht in Form einer Partei mit Menschen als denen, die es umsetzen.
Wenn man fragt, ob nicht inzwischen Orwellsche Verhältnisse herrschen, muss man nicht nur nach Personen und Institutionen fragen, sondern ob dahinter ein Machtwille um seiner selbst willen steht, wem oder was man eigentlich folgt. In Orwells Roman herrscht die Macht an sich, und seine Mittel sind vollkommene Kontrolle des Denkens und Verhaltens.
In dem Buch ist die zentrale Frage nicht nur „Wer“, sondern auch „Warum“. „Wer“ ist irrelevant, weil die Menschen nur Hüllen einer Idee sind. Das „Warum“ ist die zentrale Frage.
„Warum“ wird sich Orwell im spanischen Bürgerkrieg auch gefragt haben. „Warum“ ist die zentrale Frage, wenn es um Gewalt in jeder Form geht.

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