Ich merkte mit der Zeit, dass Elizabeth Bennet mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Jane Austen schreibt sich gekonnt in die Gefühle der Leser ein.
Jetzt, beim dritten Mal, habe ich das Buch aus einer anderen Perspektive gelesen, und diese Perspektive, merke ich, gibt mir den richtigen Zugang zu Büchern, oder vielleicht Geschichten überhaupt. Naja, es gibt noch andere Geschichten, ich will nicht übertreiben, aber dieser Blickwinkel ist gewinnbringend.
Während des Lesens hatte ich einen unbändigen Hunger nach leichter, unterhaltsamer, actionreicher Fantasy. Stolz und Vorurteil wirkt leicht und locker, mit so viel Witz und Beobachtungsgabe geschrieben, aber das Leichte ist nur scheinbar, darunter sitzt ein enormer Druck.
Im damaligen Erbrecht konnte Landbesitz nur an männliche Nachkommen vererbt werden. Die Bennets haben fünf Töchter, die alle unterschiedlich sind. Die Mutter ist einfältig und emotional, der Vater ein ruhiger Zyniker, aber ein netter Zyniker mit Witz. Elizabeth ist geistreich, ehrlich und unverblümt. Die soziale Stellung und die Frage, wie und wovon und mit wem man leben soll, ist eine wichtige Frage, unter dessen Druck alle stehen, Männer wie Frauen.
Vielfältige verwandschaftliche und freundschaftliche Beziehungen, die ihre eigenen Regeln haben, bestimmen den Alltag. Es werden Gespräche geführt und Briefe geschrieben. Es gibt Intrigen, Lügen und Manipulation, unterschiedliche Absichten.
Hinter der Freundlichkeit und Etikette liegt eine ganz rauhe Realität.
Was mir beim ersten und auch zweiten Lesen nicht aufgefallen ist (weil ich an der Stelle des Buches bereits abgeschaltet hatte), sind ein paar Dinge.
Der erste Heiratsantrag schwebt im Raum, wie überhaupt alle Gefühle aller Beteiligten ständig im Raum schweben und zwischen ihnen stehen, neben dem, was gesagt wird. Und je nachdem, wie gut es einem gelingt, Gefühle bei sich selbst zu erkennen und diese angemessen zur Sprache zu bringen, macht die Qualität der Beziehungen aus. Das ist etwas ganz Grundsätzliches.
An der Stelle merke ich, dass mich das schon länger beschäftigt hat, ganz persönlich.
Wenn wir heute von Heiratsanträgen sprechen, dann ist das ein fest definierter Satz: Willst du mich Heiraten? Ja oder Nein?
So läuft das nicht bei Austen. Den zweiten Heiratsantrag muss man dreimal lesen, um ihn überhaupt zu erkennen. Das könnte man als ein „Um-den-heißen-Brei-Reden“ betrachten, aber es gibt beiden Raum und Sicherheit. Die ausführliche Betrachtung der eigenen Gefühle und des Austausches darüber, bildet überhaupt die Grundlage. „Nach reiflicher Überlegung“ könnte man sagen, aber es ist auch eine reifliche Aussprache.
Erst danach, im vorletzten Kapitel, ändert sich die Sprache der beiden. erst danch redne sie offen, grundehrlich, intim und vertrauensvoll miteinander.
Austen führt uns hier eine ideale Beziehung vor Augen, mal von Attraktivität und Landbesitz abgesehen, die in der Ehrlichkeit seiner eigenen Gefühle gegenüber und der Ehrlichkeit, sie auszusprechen, begründet liegt.
Lydia ist das genaue Gegenteil von reiflicher Überlegung, immer sofort gesagt, was sie dachte und nach ihren spontanen Gefühl gehandelt, ausgestoßen aus der Gesellschaft, glücklich auf ihre Weise mit ihrem mittellosen Lügner. Und trotzdem kümmern sich Menschen um sie, weil Familie und Freundschaft ein dynamisches, engmaschiges Netz bildet. Die einen haben also etwas mehr Glück als andere, aber nicht in Form von Zufall, sondern aufgrund vielfältiger Bedingungen.
Das Glück folgt aus den Charaktereigenschaften, die jeder wünschenswert fände und die alle an anderen Menschen sympathisch fänden.
Wenn wir heute von Glück und Gefühlen sprechen, dann teilen wir sie in gute und schlechte, unangenehme und angenehme. Die einen wollen wir nicht haben, die anderen wollen wir haben. Wir wollen sie kaufen oder irgendwie verursachen.
Bei Austen sind Charakter, Gefühle und Verhalten eine hochdynamische Angelegenheit, abhängig von materiellen Bedingungen und sozialen Beziehungen.
Austen heute lesen, ist keine romantische, nostalgische Verblendnung, sondern eine Besinnung und vielleicht eine ganz gute Inspiration, wie man heute miteinander umgehen sollte oder gerne würde.
Sie zeigt ja auch ganz andere Charaktere und Beziehungen, die sie nicht grundsätzlich abwertet. Die Bewertung und das Urteil ist bei Austen immer Abhängig vom Blickwinkel, also wer betrachtet und wer urteilt.
Diese Klarsicht, Grundehrlichkeit und der Witz, das ist etwas Besonderes.

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